Ausgabe 22 · Juni 2026
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Restauration · 14 min

F.W. Murnau-Stiftung: Restaurations-Bilanz 2025/2026 und die Lücken im Werks-Bestand

Wiesbaden hat in den vergangenen zwölf Monaten drei zentrale Werks-Restaurationen abgeschlossen und zwei weitere in den 4K-DCP-Workflow überführt. Eine Bilanz der laufenden Editionspraxis — und ein nüchterner Blick auf die verbleibenden Lücken im Œuvre.

Die F.W. Murnau-Stiftung in Wiesbaden hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zur zentralen Trägerin der deutschen Stummfilm-Restauration entwickelt — nicht aus einer programmatischen Setzung heraus, sondern aus der historischen Konstellation, dass die Rechte an den Beständen der UFA, der Bavaria und großer Teile der Tobis nach dem Krieg in die Stiftung übergegangen sind und dort einen Werkkorpus bilden, der ohne strukturelle Restaurations-Praxis nicht spielbar zu halten wäre. Die jährliche Bilanz, die die Stiftung im Frühjahr veröffentlicht, ist daher kein Selbstdarstellungs-Format, sondern eine Arbeitsstandsmeldung in einem Prozess, der per Definition unabgeschlossen bleibt.

Die Bilanz 2025/2026, vorgelegt im April dieses Jahres, weist drei abgeschlossene Werks-Restaurationen aus. Erstens „Tartüff” (Murnau 1925), eine umfassende 4K-DCP-Restauration auf Basis des Nitrat-Negativs aus dem Bestand der Stiftung selbst, ergänzt um eine Vintage-Nitratkopie aus der Cinémathèque française, deren Zwischentitel die in Deutschland verlorenen Original-Schriftbänder rekonstruieren. Zweitens „Der müde Tod” (Lang 1921), restauriert in Kooperation mit dem Bundesarchiv-Filmarchiv Berlin, das die Farbtinten-Listen aus den Original-Verleihunterlagen beisteuern konnte; die Farbgebung folgt damit erstmals seit 1921 wieder den dokumentierten Vorgaben für Tinting und Toning, statt der jahrzehntelang verwendeten Schwarzweiß-Kopierfassung. Drittens „Asphalt” (May 1929), bereits 2018 in einer ersten DCP-Fassung vorgelegt, jetzt in einer 4K-Nachrestauration mit verbessertem Tonsynchronisierungs-Stand für die optionale Schultheis-Partitur.

Workflow und Standards

Die Arbeitsweise der Stiftung folgt dabei einem inzwischen stabilen Workflow, der den FIAF-Empfehlungen für die digitale Restauration analoger Bestände entspricht. Die Quellenlage wird in einem ersten Schritt vollständig kartiert: Welche Nitrat-Master existieren, welche Sicherheitsfilm-Dup-Negative aus der DDR- oder Bundesrepublik-Zeit liegen vor, welche Vintage-Kopien aus Auslandsbeständen können konsultiert werden. Der zweite Schritt — der materielle Eingriff — bleibt bewusst minimal: gereinigt, stabilisiert, in temperatur- und feuchtigkeitskontrollierter Umgebung neu konfektioniert, aber nicht umkopiert. Erst der dritte Schritt, der Scan, überführt das Material in die digitale Domäne. Standard ist dabei der 4K-DCP-Scan, in der Regel mit einem Arriscan oder einem Lasergraphics Director, je nach Materialzustand. Tinted-Material wird in einem separaten Durchgang gescannt, um die Farbe nicht ins Schwarzweiß zu verlieren.

Der vierte Schritt — die digitale Bearbeitung — ist der diskussionsbedürftigste. Hier entscheidet sich, wie aggressiv eine Restauration in das Material eingreift: Kratzer, Risse, Schichtablösungen, fehlende Bildkader können digital ergänzt werden, und die Stiftung folgt dabei einer konservativen Linie, die Eingriffe dokumentiert und reversible Versionen behält. Eine separate „Studien-Fassung” mit weniger Eingriff wird seit 2021 für jede größere Restauration mitgeführt und für die Forschung über die Studienkopie-Stellen des Deutschen Filminstituts und der Cineteca di Bologna zugänglich gemacht.

Bundesarchiv-Kooperation und Auslandsbestände

Die Kooperation mit dem Bundesarchiv-Filmarchiv ist über die letzten zehn Jahre zur Voraussetzung geworden. Berlin verwahrt einen Großteil der DEFA-Bestände aus DDR-Zeiten und damit auch Nitratkopien und Dup-Negative, die in den fünfziger und sechziger Jahren von der DDR aus den UFA-Beständen gezogen wurden — Material, das in Wiesbaden teils gar nicht in dieser Qualität vorhanden ist. Die „Müde Tod”-Restauration ist ein exemplarischer Fall: ohne den Berliner Beitrag der dokumentierten Farbtinten-Listen hätte die historische Farbfassung nicht rekonstruiert werden können.

Hinzu treten die Beziehungen zur Filmoteca Española in Madrid, zur Cineteca di Bologna mit ihrer Werkstatt L’Immagine Ritrovata, zur Cinémathèque française in Paris und — seit der konsolidierten Kooperation der vergangenen fünf Jahre — zum Deutschen Filminstitut in Frankfurt, das die deutsche Edition-Vertriebslinie für die Stiftungs-Restaurationen verantwortet. Die internationale Edition läuft, je nach Werk, über Eureka Entertainment (Masters of Cinema-Reihe für den britischen Markt) oder über Flicker Alley (US-Markt), beide mit klar definierten Lizenzfenstern und in der Regel mit den Bonus-Materialien der Restaurations-Dokumentation, die von der Stiftung mitgeliefert werden.

Was im 4K-Pipeline-Stand 2026 ist

Zwei weitere Restaurations-Projekte sind im laufenden 4K-Workflow und werden voraussichtlich im Herbst 2026 und im Frühjahr 2027 abgeschlossen. Erstens „Spione” (Lang 1928), bei dem die Quellenlage komplex ist: Das Negativ liegt in Wiesbaden, eine vollständige Nitrat-Vintage-Kopie aber in Brüssel, deren Schnittfassung in einigen Sequenzen länger ist als die in Deutschland überlieferte. Die Frage, welche Fassung als „Referenz” gilt, ist editionspolitisch nicht trivial und wird derzeit zwischen Wiesbaden, Brüssel und einer extern hinzugezogenen Lang-Expertise diskutiert. Zweitens „Geheimnisse einer Seele” (Pabst 1926), für den die Wiesbadener Stiftung mit dem Filmmuseum München kooperiert; die Restauration soll, sofern der Zeitplan hält, im März 2027 in München erstmals vorgeführt werden.

„4 Devils” und die Grenze der Restauration

Eine Restaurations-Bilanz ist immer auch eine Bilanz der Lücken. Im Murnau-Werk bleibt die größte Lücke „4 Devils” (1928), die Hollywood-Produktion zwischen „Sunrise” und „City Girl”, die als verschollen gilt. Eine vollständige Kopie ist seit den dreißiger Jahren nicht mehr nachweisbar; was existiert, sind Standfotos, eine begrenzte Anzahl von Frames aus zeitgenössischen Pressevorführungen und das Drehbuch. Die Stiftung hat in den letzten Jahren in Kooperation mit dem Academy Film Archive Los Angeles, dem MoMA und der Fox Studio-Sammlung — heute bei der Walt Disney Company — eine systematische Recherche durchgeführt, deren Stand 2026 unverändert ist: Es gibt keine bestätigte Spur einer vollständigen Kopie. Die Hoffnung der Suche richtet sich derzeit auf zwei Bereiche — einerseits auf private lateinamerikanische Sammler-Bestände, andererseits auf den Bestand der ehemaligen sowjetischen Auslands-Verleihe, von dem in den letzten Jahren wiederholt überraschende Funde gemeldet wurden.

Realistischer ist die Annahme, dass „4 Devils” verloren bleibt. Was die Stiftung in diesem Fall tut — und das ist Teil der Restaurations-Praxis, die wenig sichtbar ist — ist die Dokumentation der vorhandenen Spuren: ein digitalisiertes Frame-Set, eine annotierte Drehbuch-Edition, die Korrespondenz aus den Murnau-Briefen, die das Projekt rekonstruierbar machen. Diese Form der „dokumentarischen Restauration” wird das Werk nicht spielbar machen, aber sie hält die Möglichkeit offen, dass ein zukünftiger Fund anschlussfähig wird. Wer in der Restaurations-Praxis arbeitet, weiß, dass solche Vorhalte sich gelegentlich auszahlen — die Wiederentdeckung der Buenos-Aires-„Metropolis”-Kopie 2008 ist das große Beispiel der jüngeren Filmgeschichte, und auch in kleinerem Maßstab — die „Bardelys”-Wiederfindung, die jüngsten Stiller-Funde im schwedischen Reichsarchiv — bestätigt, dass das verloren Geglaubte selten endgültig verloren ist.


Ressort: Restauration