Bonner Stummfilmtage 2026: Programm-Vorschau zur 42. Edition am Hofgarten
Vom 6. bis 16. August lädt die 42. Ausgabe wieder unter die Kastanien des Bonner Hofgartens. Die Programm-Linie ist gesetzt, die Begleiter:innen sind verpflichtet — eine Vorschau auf elf Open-Air-Nächte zwischen Universität und Rhein.
Die Bonner Stummfilmtage gehen in ihre 42. Ausgabe, und der Rhythmus, den das Festival seit 1984 hält, ist in der europäischen Stummfilm-Landschaft inzwischen ein eigener Wert geworden: elf Nächte zwischen Anfang und Mitte August, ein einziger Spielort am Hofgarten der Universität Bonn, eine offene Leinwand unter freiem Himmel, und ein Stamm von Begleiter:innen, der sich über die Jahre zu einer eigenen Schule entwickelt hat. Wer das Festival kennt, weiß: Hier wird Stummfilm nicht als Sonderfall der Filmgeschichte vorgeführt, sondern als die Form, in der das Kino zwischen 1895 und 1929 sein ganzes formales Vokabular gefunden hat.
Die Ausgabe vom 6. bis 16. August 2026 setzt drei Schwerpunkte. Den ersten bildet ein König-Vidor-Strang, der die kommerzielle Reife des späten Hollywood-Stummfilms abbildet: „The Big Parade” (1925) in der inzwischen kanonisch gewordenen Carl-Davis-Partitur, „The Crowd” (1928) als nüchternes Gegenstück zur Studio-Romantik des Vorgängers, und — als Wiederentdeckung der Festival-Saison — „Bardelys the Magnificent” (1926), der lange als nahezu verloren galt und über eine in Frankreich aufgetauchte Nitratrolle und ein DCP der Cohen Film Collection wieder spielbar wurde. Die zweite Linie führt nach Skandinavien zurück: Mauritz Stillers „Gösta Berlings Saga” (1924) und Victor Sjöströms „Körkarlen” (1921) treten in restaurierten DCP-Fassungen des Svenska Filminstitutet an, in der Tradition der schwedischen Wiederbelebung der vergangenen zehn Jahre. Den dritten Schwerpunkt bilden zwei Murnau-Abende, beide in den jüngsten Restaurations-Fassungen der Wiesbadener Stiftung: „Tartüff” (1925) und „Sunrise” (1927).
Live-Begleitung als zweite Aufführungspraxis
Was die Bonner Stummfilmtage von anderen Open-Air-Reihen unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der Live-Begleitung als zweite, gleichrangige Aufführungspraxis verstanden wird. Stephen Horne kehrt zurück und übernimmt traditionsgemäß den schwierigsten Skandinavien-Abend; Günter Buchwald, dessen Verbindung zum Festival inzwischen über zwei Jahrzehnte reicht, begleitet beide Vidor-Filme am Klavier und sitzt einmal — beim Eröffnungsabend — am eigens herangefahrenen Harmonium. Für die Murnau-Strecke kommt Bernd Schultheis nach Bonn, der mit seinem Trio („Schultheis Trio”) einen kammermusikalischen Zugang einbringt, der näher an der historischen Begleit-Praxis der späten zwanziger Jahre liegt als am sinfonischen Davis-Modell. Hinzu treten in diesem Jahr Maud Nelissen, Mauro Coceano und — als Premiere in Bonn — die ungarische Pianistin Anna Vermes, die aus der Jelena-Kuljić-Tradition kommt und seit dem letzten Pordenone-Festival mit ihrer „Menschen am Sonntag”-Begleitung Aufmerksamkeit gefunden hat.
Die Begleit-Honorare und die Reiseplanung sind, das gehört zu den weniger sichtbaren Realitäten eines Festivals dieser Größe, der zentrale Posten im Budget. Dass Bonn seit den frühen 2000er Jahren konsequent auf eine Mischung aus Bonner Stammgästen und internationaler Rotation setzt, hat das Profil geschärft: Jede der elf Nächte hat einen eigenen klanglichen Handschriften-Charakter, kein Abend gleicht musikalisch dem nächsten, und das Publikum honoriert das mit einer Wiederbesuchsquote, die seit 2019 bei stabil über sechzig Prozent liegt.
Hofgarten, Wetter, Praxis
Der Spielort am Hofgarten zwischen Universitätshauptgebäude und Akademisches Kunstmuseum ist Teil der Identität des Festivals. Die Leinwand steht vor der barocken Fassade der Bonner Universität, das Publikum sitzt auf Bierzeltgarnituren unter den Platanen, und die Klavier-Position vor der Leinwand zwingt die Begleiter:innen in eine sichtbare, gleichsam mit-aufgeführte Rolle, die im geschlossenen Saal nicht möglich wäre. Der Preis dieser Konstellation ist das Wetter-Risiko. Die langjährige Festival-Statistik weist im August einen Ausfall-Anteil von etwa neun Prozent aus, was — bei Open-Air-Verhältnissen — als bemerkenswert gering gilt. Verlegt wird in den Großen Hörsaal des Universitätshauptgebäudes, wo das Klavier steht und die Akustik tatsächlich besser ist als im Freien; was verloren geht, ist die Atmosphäre der vollbesetzten Sommernacht und die spezifische Klangmischung von Hofgarten-Hintergrund und Leinwand-Vordergrund, an die sich das Bonner Publikum gewöhnt hat.
Für 2026 ist die Wetter-Reserve weiter ausgebaut worden: Drei Abende — die beiden Murnau-Vorstellungen und die Bardelys-Premiere — sind als Doppeltermine geplant, mit einer fixen Ausweich-Vorstellung am Folgetag in der Aula. Das ist Verwaltungs-Aufwand, der sich erst auszahlt, wenn er gebraucht wird, aber für die internationalen Begleiter:innen, die teilweise direkt nach Pordenone weiterreisen, ist die Planungssicherheit die Voraussetzung für die Zusage.
Pordenone als Schwester-Festival
Die Bonner Stummfilmtage werden in den letzten Jahren regelmäßig in einer Linie mit den Giornate del Cinema Muto in Pordenone genannt, und tatsächlich teilen die beiden Festivals einen Großteil der Begleiter:innen-Garde, einen Großteil des wissenschaftlichen Publikums und eine ähnliche Programmphilosophie der „kuratierten Tiefe”. Was die Festivals trennt, ist das Format. Pordenone arbeitet als geschlossenes Indoor-Festival im Teatro Verdi und kann thematische Retrospektiven von zwei Wochen Länge in einer Konzentration durchspielen, die in Bonn unter freiem Himmel weder programmierbar noch publikumstauglich wäre. Bonn arbeitet dafür konsequent populär: elf Filme, elf Nächte, eine breit lesbare Auswahl aus Klassikern und Wiederentdeckungen, und ein Publikum, das vom Rheinland-Cinephilen bis zur Bonner Spaziergänger:in reicht.
Diese Komplementarität ist kein Zufall, sondern Ergebnis langfristiger informeller Abstimmung. Wer in Bonn 2026 die Skandinavien-Linie zeigt, hat in Pordenone im Oktober die Möglichkeit, eine vertiefende Stiller-Retrospektive zu kuratieren, ohne sich zu wiederholen. Das Publikum, das beide Festivals besucht — und das ist eine wachsende Gruppe — sieht zwei Programmlinien, die aufeinander reagieren, ohne dass eine zentrale Stelle das koordinieren würde.
Der Vorverkauf für die 42. Ausgabe läuft seit Ende Mai. Wie in den Vorjahren empfiehlt sich die Festival-Karte für alle elf Abende: Sie liegt bei sechsundachtzig Euro, was bei den aktuellen Kino-Eintrittspreisen einer Vorstellungs-Pauschale von knapp acht Euro entspricht — und damit unter dem Tarif eines regulären Multiplex-Abends in Köln oder Düsseldorf. Eine Form von ökonomischer Statement, die in der deutschen Festival-Landschaft inzwischen die Ausnahme ist.